Credit: Jens Lehmkuehler
Ende Juli 2025 frühmorgens um 6.30 Uhr biegt im Hamburger Stadtteil Hamm der Lkw eines Entsorgungsunternehmens rechts in eine Straße ab. Der Fahrer übersieht eine Radfahrerin neben sich auf dem Radstreifen, erfasst sie, und die Frau stirbt noch am Unfallort. Im Jahr 2025 war dies bereits der dritte tödliche Fahrradunfall beim Abbiegen eines Lkw in der Hansestadt. Ob der Lkw in Hamburg einen Abbiegeassistenten hatte, ist nicht bekannt. Und ob mit Abbiegeassistent die Frau noch leben würde, lässt sich natürlich nicht seriös sagen. Dass die Assistenzsysteme die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern insgesamt tendenziell erhöhen, ist jedoch kaum zu bestreiten.
Förderung von Abbiegeassistenten
Ob die Förderung von Abbiegeassistenten durch das Bundesverkehrsministerium 2026 fortgeführt wird, stand bis zum Redaktionsschluss noch nicht fest. Grundsätzlich werden immer nur freiwillig installierte Systeme gefördert, nicht die gesetzlich vorgeschriebenen. Bisher galt die Förderung nur für Fahrzeuge von mehr als 3,5 Tonnen; weitere Einschränkungen betrafen bestimmte Baujahre und Fahrzeugtypen. Bezüglich der Einschränkungen und aller aktuellen Regelungen berät die SVG Hessen ihre Mitglieder und unterstützt sie beim Fördermittelantrag.
Ein Drittel Abbiegeunfälle
Bei den Unfällen von Güterkraftfahrzeugen mit Personenschaden machen Abbiegeunfälle einen nicht unbeträchtlichen Anteil aus. Von den 2629 Unfällen, die das Bundesverkehrsministerium im Jahr 2024 gezählt hat, waren rund ein Drittel Abbiegeunfälle (genau: 789). Bei diesen kamen 17 Radfahrende ums Leben. Das Problem beim Abbiegen für Lkw ist natürlich der tote Winkel. Zusätzliche und verbesserte Spiegel und auch MirrorCams, die digitalen Rückspiegel, haben Verbesserungen gebracht. Oftmals bleibt jedoch eine nicht einzusehende Fläche – und die können Abbiegeassistenten abdecken.
Abbiegeassistenten werden als optisch-akustische oder kamerabasierte Systeme angeboten, Erstere geben einen Signalton aus, Letztere zeigen zusätzlich die Verkehrssituation im Kamerabildschirm. Daimler Truck etwa bietet darüber hinaus, nach eigenen Angaben als bisher einziger Hersteller, ein System an, das im Bedarfsfall auch in der Lage ist, eine automatisierte Bremsung auszuführen.
„Aktion Abbiegeassistent“
Bereits seit 2018 wirbt das Bundesverkehrsministerium mit der „Aktion Abbiegeassistent“ für die freiwillige Anschaffung von Abbiegeassistenten. Inzwischen unterstützen 33 Verbände die Aktion offiziell, 244 sogenannte Sicherheitspartner haben sich verpflichtet, ihre Fahrzeuge nachzurüsten. Seit 2019 wird die Anschaffung von Abbiegeassistenten vom Bundesministerium für Logistik und Mobilität (BALM) finanziell unterstützt, bis zum Herbst 2024 wurden so über 23.000 Systeme gefördert.
Seit Juli 2024 Pflicht
Seit dem 7. Juli 2024 sind neu zugelassene Nutzfahrzeuge über 3,5 Tonnen verpflichtet, eine ganze Reihe an Assistenzsystemen an Bord zu haben, darunter auch den Abbiegeassistenten. Einen Meilenstein in der Verkehrssicherheitsarbeit, nennt das die Berufsgenossenschaft BG Verkehr. Daten über die Auswirkung dieser neuen Regelung liegen bisher nicht vor. Ältere Untersuchungen belegen aber die erhöhte Verkehrssicherheit durch Abbiegeassistenten eindeutig. Bereits 2016 veröffentlichte die Unfallforschung der Versicherer die Ergebnisse eines mehrjährigen Forschungsprojekts. Das Ergebnis: Mit Abbiegeassistenten sinkt die Zahl getöteter Fußgänger und Radfahrer um 31,4 Prozent.
Im Jahr 2021 konnte die Zahl der bei Abbiegeunfällen mit Lkw ums Leben gekommenen Radfahrer auf 20 Menschen halbiert werden, teilte der Allgemeine Deutsche Fahrradclub mit. Dies sei allerdings sowohl auf die „Aktion Abbiegeassistent“ zurückzuführen wie auf die StVO-Novelle von 2020, die für Lkw beim Abbiegen Schrittgeschwindigkeit vorschreibt.
Traumatisierende Unfallerlebnisse vermeiden
Das Leben von Fußgängern und Radfahrern zu schützen, ist definitiv ein wichtiges Ziel, das sicher auch finanzielle, technische und sonstige Aufwände rechtfertigt. Abbiegeassistenten schützen außerdem nicht nur Fußgänger und Radfahrer, sondern auch Trucker, indem sie sie vor traumatisierenden Unfallerlebnissen bewahren. Nach Angaben des Bundesverbands Möbelspedition und Logistik (AMÖ) führen 80 Prozent der tödlichen Abbiegeunfälle dazu, dass die betroffenen Lkw-Fahrer nie wieder ihren Beruf ausüben können.
3 Fragen an Marcus Oberlies
Marcus Oberlies ist Geschäftsführer des SVG Fahrschulzentrums Südwest. 90 Prozent der Schulungsfahrzeuge dort sind mit Abbiegeassistenten ausgestattet.
1. Wie stehen Sie zu Abbiegeassistenten?
Abbiegeassistenten sind eines der wichtigsten Werkzeuge, um die Sicherheit gerade von Fußgängern und Radfahrern
zu erhöhen. Ich finde, sie sind absolut unverzichtbar.
2. Manche meinen, es drohe eine Überforderung der Fahrer durch zu viele akustische und optische Warnsysteme im Cockpit. Was sagen Sie dazu?
Das sehe ich überhaupt nicht so. Die Fahrer sind doch alle Profis. Und wo es um die Sicherheit von Kindern und Radfahrern geht,
kann ein Piepsen doch gar nicht zu viel sein.
3. Seit Juli 2024 sind Abbiegeassistenten ja nun Pflicht in neu zugelassenen Lkw. Haben Sie einen Eindruck davon, wie viele Unfälle dadurch verhindert, wie viele Menschenleben womöglich gerettet wurden?
Das kann man schwer sagen. Aktuelle Zahlen dazu gibt es ja noch nicht. Und was die Statistiken dazu ja immer schwierig macht, ist, dass Beinahe-Unfälle nicht statistisch erfasst werden, die Gelegenheiten, wo ein Fahrer gerade noch rechtzeitig auf der Bremse
steht. Doch völlig unabhängig davon: Selbst wenn man nur ein Menschenleben damit rettet, sind doch die paar Hundert Euro für
die Anschaffung nun wirklich nicht zu viel. Das SVG Fahrschulzentrum Südwest bietet Ausbildungen für Lkw-, Pkw- und Busführerscheine an und akzeptiert auch Bildungsgutscheine der Agentur für Arbeit.





