Credit: Logistikweisen/Alexander Stoll, Logistikweisen/Tom Milter
Seit über zehn Jahren versuchen die Logistikweisen die Entwicklung der Branche in der nächsten Zukunft vorherzusagen. Einer der Gründer, Prof. Dr. Christian Kille, erklärt, wie sie das machen und wie Unternehmer davon profitieren.
Wie entwickelt sich die Logistikbranche im kommenden Jahr?
Zu dieser Frage geben die sogenannten Logistikweisen qualifizierte Prognosen heraus. Aktuell gehören dem Gremium 28 Fachleute aus Logistik, Digitalwirtschaft, Industrie, Handel und der Forschung an. Gegründet wurden die Logistikweisen 2014 von Prof. Dr. Christian Kille vom Institut für Angewandte Logistik der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt, und Matthias Meißner, Geschäftsführer von AEB, einem Anbieter von Software-Lösungen für die Logistik.
Im Überblick:
Welche Aufgaben haben die Logistikweisen?

Wir wollen die Entwicklung des Logistikstandorts Deutschland betrachten. Und dabei geht es um die quantitative Seite, das heißt, wir geben eine Prognose heraus, mit welchen Veränderungen im Markt zu rechnen sein wird. Deshalb auch die freche Bezeichnung der Logistikweisen.
Die Wirtschaftsweisen prognostizieren ja die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Die Logistik wurde, bevor es uns gab, nirgends prognostiziert.
Im Frühjahr und Herbst geben die Logistikweisen Prognosen für die Entwicklung der Branche heraus. Die Ergebnisse ihrer Frühjahrs- und Herbstgipfel kann man hier einsehen: Ergebnisse
Der Logistikstandort Deutschland liegt so ideal in Europa, dass wir immer viel Logistik haben werden.
Christian Kille
Auf welcher Basis erstellen Sie diese Prognosen?
Wir betrachten den Kostenrahmen in der Logistik und die Entwicklung bei den Mengen, die transportiert werden müssen. Da wird’s allerdings schwierig. Früher gaben einige Banken Prognosen zu erwarteten gesamtwirtschaftlichen Produktionsveränderungen
heraus. Das traut sich in unseren volatilen Zeiten aber niemand mehr. Deswegen müssen wir uns aus einzelnen Branchendarstellungen die Prognosen zusammenklauben, zu einem Gesamtbild zusammensetzen und daraus einen Korridor errechnen, innerhalb dessen sich die Logistik zukünftig voraussichtlich entwickeln wird.
Aber diesen Korridor veröffentlichen Sie noch nicht?
Mit diesem Korridor gehen wir in die Diskussionen auf den Gipfeltreffen der Logistikweisen und erörtern dort die einzelnen Elemente noch mal mit den anderen Teilnehmenden. Und die schauen darauf mit der Brille der Praxis.
Welche Teilnehmenden gehören zu den Logistikweisen?
Neben Logistikunternehmern und einigen Wissenschaftlern sind das vor allem Führungspersönlichkeiten aus Industrie und Handel. Es ist gewissermaßen unser Mehrwert, dass wir die verschiedenen Bereiche vertreten haben.
Sie sagten selbst, dass Sie sich frech nach den Wirtschaftsweisen benannt haben.
Stehen Sie mit diesem Gremium, das die Bundesregierung berät, im Austausch?
Nein, das haben wir auch nicht angestrebt. Wir arbeiten so verschieden von den Wirtschaftsweisen, dass ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich fruchtbar wäre.
Wir prognostizieren, mit welchen Veränderungen im Markt zu rechnen sein wird.
Christian Kille
Sie sprachen von der volatilen Situation auf den verschiedenen Märkten.
Wie sitzt eigentlich ein Christian Kille abends vor den Nachrichten und sieht, was in der Trumpschen Zollpolitik alles wieder passiert?
Ich denke: Erst mal abwarten. Das habe ich in meiner Zeit bei den Logistikweisen und vor allem in den letzten fünf Jahren gelernt:
Erstmal gar nicht großartig schimpfen und lamentieren, sondern abwarten, wie sich das entwickelt und was das mit unserer Logistik zu tun haben wird. Angesichts der zunehmenden Unsicherheiten mit den zahlreichen politischen Einflüssen auf die internationalen Lieferketten überlege ich allerdings, ob wir zukünftig anstelle eines Prognosekorridors eher in Szenarien denken. Also: In einem Szenario A könnte die Entwicklung so verlaufen, bei Szenario B so.
Im aktuellen Herbstbericht sprechen sie von einem vierdimensionalen Raum, von den vier D, in dem sich Logistikunternehmen bewegen müssen: Dekarbonisierung, Digitalisierung, Demografie und De-Risking.
Was verstehen Sie unter De-Risking?
Das bezieht sich wieder auf die volatile Situation. Die weltpolitischen Unsicherheiten, der Angriff auf die Ukraine oder die amerikanische Zollpolitik, aber auch Störungen der internationalen Lieferketten – Stichworte:
Evergiven, Huthis im Roten Meer – das hat ja alles Einfluss auf die Logistik. Im Zuge des De-Risking sollen Unternehmer versuchen, die Risiken für sich zu minimieren. Das heißt, dass man zum Beispiel Fahrrouten nicht nur nach der Effizienz, sondern auch nach dem mit der Strecke verbundenen Risiko auswählt. Oder dass man Distributionszentren in politisch stabilen Regionen errichtet.
In der Voraussage für 2025 prognostizieren sie, dass der wirtschaftliche Abschwung in dem Jahr seine Talsohle erreicht hat und für 2026 ein leichter Aufschwung zu erwarten ist. Die Unternehmen der Logistikbranche sehen sie mit vier großen Herausforderungen konfrontiert, den vier D: Dekarbonisierung, Digitalisierung, Demografie und De-Risking.
Zur Digitalisierung:
Was bedeutet künstliche Intelligenz Ihrer Einschätzung nach für diese Dimension?
Ich glaube, im Gegensatz zu vielen anderen Digitalisierungs-Buzzwords der letzten Jahre hat die KI eine größere Wirkungskraft in der Digitalisierung. Weil sie dabei hilft, die Digitalisierung zu vereinfachen. Sie kann dazu beitragen, Digitalisierungsprojekte einfacher abzuwickeln und dem ganzen einen Boost geben.
Stichwort: Demografie.
Sehen Sie, dass ein konjunktureller Abschwung Entspannung beim Fahrermangel bringt?
Gar nicht. Auch wenn in anderen Branchen Stellen abgebaut werden, sehe ich nicht, dass die Entlassenen so einfach in der Logistik anheuern werden. Bei Rückgängen in der Produktion kann vielleicht mal der eine oder andere Lkw eingespart werden, aber nicht proportional. Dann fahren Lkw halt mal nur dreiviertel voll. Der demografische Wandel mit zahlreichen Renteneintritten wird weiterhin große Löcher reißen, die schwer gefüllt werden können. Außerdem liegt der Logistikstandort Deutschland so ideal in
Europa, dass wir immer viel Logistik haben werden und Fahrer brauchen.
Welchen Nutzen kann ein mittelständischer Transportunternehmer aus Hessen aus Ihren Prognosen ziehen?
Er bekommt ein gewisses Grundgefühl, wie die Gesamtsituation der Logistik im kommenden Jahr aussehen wird. Wenn wir zum
Beispiel prognostizieren, dass weniger zu tun sein wird, sieht er vielleicht, dass er im Trend liegt und es offenbar auch anderen nicht so gutgeht. Oder er merkt: „Wow, ich bin ja besser als der Rest.“ Er bekommt ein Gefühl für den Durchschnitt. Und vielleicht kann er auch etwas aus unseren qualitativen Einschätzungen rausziehen, etwa unseren vier D.





