Credit: Dr. Hubertus Porschen

Wie kann Künstliche Intelligenz Transport- und Logistikunternehmen unterstützen? Und wie findet man als klein- und mittelständisches Unternehmen einen Einstieg in die Technologie? Fragen an den KI-Experten und Keynote-Speaker Dr. Hubertus Porschen.

Welche Einsatzmöglichkeiten sehen Sie für Künstliche Intelligenz in der Transport- und Logistikbranche?

Wir sollten erst einmal definieren, um welche Art KI es geht. Wir sprechen von generativer KI, also zum Beispiel ChatGPT. Das ist eine relativ neue Form von Künstlicher Intelligenz, Intelligenz in Anführungsstrichen. Denn so intelligent, wie wir manchmal denken, ist die gar nicht. Das ist im Grunde eine Wortwahrscheinlichkeitsberechnungsmaschine, so würde ich das nennen. Trotzdem eröffnet sie völlig neue Arten zu arbeiten.

Wie kann man den Einstieg in die KI finden?

Jedem, der mit KI starten möchte, kann ich nur raten, sich erst einmal die Grundlagen anzueignen und ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie KI funktioniert. Ganz konkret würde ich empfehlen, einen zweiten Bildschirm aufzustellen, da ein Post-it draufzukleben und draufschreiben: Kann ich das, was ich gerade mache, nicht besser mit KI machen, also nicht nur schneller, sondern besser?

Und wenn ein Unternehmer diese Frage mit „Ja“ beantwortet?

Wenn ein Unternehmen mit KI anfangen will, rate ich: Holt euch jemanden, der euch schult. Und wenn ihr das Geld nicht ausgeben wollt – 99,9% des weltweiten Wissens sind frei verfügbar in der größten kostenlosen Bibliothek der Welt: YouTube. Da gibt man ein: „Einsteigerkurs ChatGPT“. Der zweite Schritt wäre dann, die Mitarbeitenden zu schulen, also die Wissensarbeiter, die am Computer sitzen. Und dann entwickele ich eigentlich relativ schnell die ersten Use Cases, wo ich KI einsetzen kann.

So intelligent ist KI gar nicht, trotzdem eröffnet sie völlig neue Arten zu arbeiten.

Dr. Hubertus Porschen

Stellt das nicht hohe technische Anforderungen an ein Unternehmen?

Meiner Erfahrung nach ist bei den meisten Unternehmen nicht die Technik das Problem, es sind die Menschen und die inneren Strukturen. Der erste Schritt ist immer der Mensch. Der Unternehmer muss sich erst einmal selbst begeistern, muss davon überzeugt sein, KI einsetzen zu wollen. Es braucht die Erkenntnis: Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn, wenn ich das jetzt an mir vorbeigehen lasse. Ich reite ja auch nicht mehr auf dem Pferd und zünde eine Kerze an, wenn’s dunkel wird.

Wenn ein Unternehmen etwa nur physische Personalakten hat, wenn die Mitarbeiter Urlaubsanträge schriftlich einreichen und das also alles mit Zettel und Stift gemacht wird, wird KI nicht die Zauberlösung sein. Wenn ich allerdings ein top gepflegtes Customer Relations Managementsystem und da sauber meine Prozesse abgebildet habe, dann kann ich mit KI richtig coole Sachen machen.

Wie kommt man dann in die tatsächliche Arbeit mit KI?

Eine typische Taktik ist, der KI Fragen zu stellen. Man sollte viel mit der KI sprechen. Das ist natürlicher und je mehr wir die KI wie einen Menschen behandeln, desto besser werden die Ergebnisse, so blöd sich das anhört. Das heißt ja auch, die KI guckt sich ab, wie ich dann formuliere. Ich sage also, hilf mir, den Prompt zu schreiben. Prompten ist ja die Eingabe von Befehlen und die funktioniert hier grundsätzlich nicht wie bei Google.

Man sollte viel mit der KI sprechen.
Je mehr wir die KI wie einen Menschen behandeln, desto besser werden die Ergebnisse.

Dr. Hubertus Porschen

Was sagen Sie zur Klage mancher klein- und mittelständischer Unternehmen, dass ihnen die finanziellen oder personellen Möglichkeiten fehlen?

Die Medaille hat ja immer zwei Seiten. Es kommt vor, dass sich die Kleinen beschweren, dass sie nicht die Ressourcen haben wie die Großen. Ich kann nur sagen, nach meiner Erfahrung haben die größeren Unternehmen, was das Thema KI angeht, viel höhere regulatorische und bürokratische Hürden und dadurch viel größere Aufwände als ein kleiner Mittelständler.

Sie sprachen von den Use Cases, die sich relativ schnell abzeichnen.

Welche könnten das sein?

E-Mails schreiben und beantworten zu lassen oder Texte zusammenzufassen, das kennen viele schon. Aber man kann die KI auch für vieles andere einsetzen, zum Beispiel, um Angebote für Ausschreibungen zu erstellen, was für viele Unternehmen oft ein Pain Point ist. Dafür muss man erst einmal die Angebotsunterlagen studieren, diese dann mit dem eigenen Leistungsverzeichnis abgleichen und daraus dann das Angebot formulieren.

Was wären weitere Beispiele?

Bei Reklamationen etwa ergeben Chatbots absolut Sinn. Wenn ich weiß, was bei Reklamationen die 200 häufigsten Fragen sind und wenn ich diese sauber beantworten kann, kann ich einen Chatbot einsetzen. Den würde ich dann allerdings nicht sofort auf die Kunden loslassen, sondern ihn so einrichten, dass er den Mitarbeiter unterstützt, wenn Kunden anrufen.
Und wenn der Mitarbeiter dann merkt, dass der Bot die richtigen Antworten raussucht, könnte man ihn irgendwann alleine antworten lassen, zumindest bei einfachen Anfragen.

Zunächst muss ich natürlich in die Künstliche Intelligenz investieren.

Ab wann kann ich denn Vorteile durch die Arbeit mit KI erzielen?

Wenn ich zum Beispiel E-Mails von der KI beantworten lasse, bringe ich ihr zunächst meinen Sprachstil bei. Dann brauche ich heute vielleicht ein bisschen länger für die, sagen wir, 50 Mails. Aber danach muss ich für diese Anzahl an Mails nicht mehr eine Stunde investieren, sondern nur noch ein paar Minuten. Das ist der Return on Investment, und der ist sofort da. Manchmal fragen mich Leute, ob sie denn die 20 Dollar für ChatGPT investieren müssen. Ich denke, das Geld hat sich für nahezu jeden, der in irgendeiner Art und Weise am Computer arbeitet, normalerweise nicht erst nach einem Monat, sondern nach zwei Tagen rentiert, wenn er das
ein bisschen gezielt einsetzt. Für mich ist KI ist der beste persönliche Assistent der Welt.

Der Schutz sensibler Daten ist für Unternehmen ein wichtiges Thema.

Was bedeutet Datenschutz in Bezug auf KI?

Datenschutz ist natürlich ein wichtiges Thema, wird aber auch oft als Vorwand zur Ablehnung benutzt. Also zum einen ist die Team-Variante von ChatGPT offiziell DSGVO-konform. Sie kostet 29 Dollar im Monat, die hochgeladenen Inhalte sind privat und das Unternehmen nutzt die Daten nach eigenen Angaben auch nicht zu Trainingszwecken. Da bin ich als Nutzer sowieso aus dem Schneider. Zum anderen muss ich schauen, was denn eigentlich sensible Daten sind. Wenn ich meine Kundenprofile hochlade, also natürlich nicht die echten Daten, sondern Personas, die ich anonymisiert habe, was soll daran sensibel sein?

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